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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 114 vom 17. März 2017

Zeugnis jüdischer Kultur jetzt im Stadt­ar­chiv

Das Notenbuch des Karlsruher Oberkan­tors Simon ­Metz­ger

von Christoph Kalisch

Auszug aus dem Notenbuch von Simon Metzger mit der Hymne "Adon Olam" für den Morgengottesdienst, N. H. Katz. Foto: Stadtarchiv

Auszug aus dem Notenbuch von Simon Metzger mit der Hymne "Adon Olam" für den Morgengottesdienst, N. H. Katz. Foto: Stadtarchiv



Oberkantor Metzger, wohl USA nach 1941. Foto Leo Baeck Institute, New York

Oberkantor Metzger, wohl USA nach 1941. Foto Leo Baeck Institute, New York


 

In der Vorkriegs­zeit hat der damalige Karlsruher Oberkan­tor ­Si­mon Metzger zahlreiche Texte und Noten aus dem Syn­ago­gen­got­tes­dienst handschrift­lich festge­hal­ten. Ein solches ­Buch hat Pogrom­nacht, Flucht, Exil und mehrere Besit­zer­wech­sel ­über­stan­den und wird nunmehr im Stadt­ar­chiv Karlsruhe verwahrt.

Nach dem Novem­ber­po­grom 1938 war offen­kun­dig, dass es unter den brau­nen Macht­ha­bern kein jüdisches Leben mehr in Deutsch­lan­d ­ge­ben würde. Die jüdischen Männer wurden ins KZ Dachau gesperrt. Niemand wusste, wie lang die Haft dauern würde. Nach einigen Wo­chen kam wieder frei, wer sich verpflich­tete, das Land zu ver­las­sen. Auch Simon Metzger erging es so. Im Februar 1939 ist seine Tochter Ilse mit Familie nach Luxemburg ausge­wan­dert. "Meine Eltern aber glaubten, dass es ihre Pflicht sei, bei der Ge­meinde zu bleiben", so schrieb Ilse Schwarz 1988 in einem ­Brief an Oberbür­ger­meis­ter Gerhard Seiler. "Aber ungefähr ½ Jahr spä­ter wurde ihnen mitgeteilt sofort abzureisen, da man die Juden depor­tie­ren würde. Da es ein Samstag war, wollte mein Vater nicht gehen, aber selbst der Rabbiner [Dr. Hugo Schiff] drängte sie zu gehen".

Simon Metzger hatte von 1914 bis 1939 das Amt des Vorbeters und Re­li­gi­ons­leh­rers der Israe­li­ti­schen Gemeinde in der Kronen­stra­ße inne. Simon und Marie Metzgers konnten im aller­letz­ten Moment vor Ausbruch des Krieges zu Tochter und Schwie­ger­sohn nach Lu­xem­burg ausreisen. Im Juni 1941 verließ das Ehepaar endgül­tig ­Eu­ropa, per Schiff von Barcelona nach New York, zu ihrem Sohn Al­fred in Queens. Ilse und Ernst Schwarz kamen im August 1941 auf der gleichen Route nach. Die von deutschen Juden gegrün­de­te ­Con­gre­ga­tion Emes Wozedek im New Yorker Stadt­vier­tel Washing­ton Heights beschäf­tigte Simon Metzger noch einige Jahre als Kantor an den Hohen Feiertagen.

Für die in Deutsch­land Verblie­be­nen wurde die Lage verzwei­felt - im Oktober 1940 mussten über 900 jüdische Karls­ru­her/-innen den Weg nach Gurs antreten. Neben vielen anderen haben Simon ­Metz­gers Schwager Eugen Bruchsaler, sein Kanto­ren­kol­le­ge ­Sieg­fried Speyer und sein Amtsnach­fol­ger Jakob Wechsler ihr Leben in den Lagern der Nazis in Osteuropa verloren.

Herkunft und Werdegang Simon Metzgers

Simon Metzger, 1878 als jüngster Sohn des Handels­manns Abraham ­Meyer Metzger und seiner Frau Jeanette (Jette) geborene Geismar in Nonnen­weier - heute Schwanau - bei Lahr geboren, war zunächst Vor­be­ter, Religi­ons­leh­rer und Schächter der Israe­li­ti­schen ­Ge­meinde in Sulzburg im Markgräf­ler­land. Er schloss die Ehe mit Marie Bruchsaler, Tochter des dortigen Haupt­leh­rers Joseph ­Bruch­sa­ler und der Berta geborene Baer. Später wechselte Kantor ­Metz­ger nach Bretten; die beiden Kinder Ilse und Alfred kamen dort 1908 bzw. 1911 zur Welt. Im August 1914 übernahm er die Kan­to­ren­stelle bei der Gemeinde Kronen­straße in Karlsruhe und wurde auch Religi­ons­leh­rer an den Schulen der Stadt. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg und kehrte im November 1918 nach ­Karls­ruhe zurück.

1925, zum 50-jährigen Bestehen der von Josef Durm erbau­ten ­Syn­agoge in der Kronen­straße, wurde Metzger vom Synago­gen­rat zum O­ber­kan­tor ernannt. Als geschulter Tenor gab Simon Metzger auch ­Kon­zerte. Beispiele aus seinem Repertoire sind in zeit­ge­nös­si­schen Zeitungs­be­rich­ten erwähnt, so die tradi­tio­nel­le Sab­ba­thymne "Lecha Dodi" mit der Musik von Louis Lewan­dow­ski; eine Arie aus Mendels­sohns "Elias" und die "Keduscha", ein ge­sun­ge­nes Gebet aus der Liturgie, komponiert von dem christ­li­chen Dirigenten, Chor- und Musik­schul­lei­ter Theodor ­Munz, der samstags in der Kronen­straße die Orgel spielte - jüdischen Organisten wäre es am Schabbat nicht erlaubt zu ar­bei­ten.

Bis um 1933 wohnte das Ehepaar Metzger in der Kronen­straße 15 neben der Synagoge, die Jahre bis zur Auswan­de­rung im Ge­mein­de­haus Herren­straße 14.

Das handschrift­li­che Notenbuch

Nach der "Kris­tall­nacht" im November 1938 bemühte sich das Jü­di­sche Wohlfahrt­samt, für wenigstens ein Kind aus jeder Fa­mi­lie einen Pflege­platz in England zu organi­sie­ren. An Stelle ­sei­ner 14-jährigen Schwester gelangte so der bereits 18-jähri­ge ­Bern­hard (Efraim Ber) Färber im Frühjahr oder Sommer 1939 in Si­cher­heit und ging später in die USA. Vater Josef Färber war wenige Wochen zuvor in sein Geburts­land Polen abgescho­ben wor­den, Sylvia und die Mutter folgten dem Vater im Sommer 1939 nach Krakau. Beide Eltern kamen in Polen um, die Schwes­ter ­über­lebte Auschwitz und zog später auch nach Amerika. Nach ­sei­ner Schulzeit auf dem Karlsruher Humboldt-Realgym­na­sium - wo er vermutlich Simon Metzgers Schüler war - hatte Bernhard noch 1937 in Würzburg das Israe­li­ti­sche Lehrer­se­mi­nar begonnen. Metzger überließ dem jungen Mann ein in den Dreißiger Jahren ei­gen­hän­dig geschrie­be­nes Notenbuch der liberalen jüdischen ­Li­tur­gie des ganzen Jahres, eine Sammlung mit vielfach mehre­ren ­Me­lo­dien zum selben Text. Im Jahr 2015 kam dieses Manuskript mit dem Einband­ti­tel "Jüdische Gesänge" aus einem New Yorker An­ti­qua­riat wieder an seinen Entste­hungs­ort und wurde nun dem Stadt­ar­chiv geschenkt. Das Buch enthält etwa 250 gesun­gen vor­ge­tra­gene Gebete bzw. poetische Einschübe des Syn­ago­gen-Gottes­diens­tes. Heute so in Deutsch­land kaum noch ­ge­bräuch­lich, zeigen die Texte zu Kompo­si­tio­nen des späten 19. Jahr­hun­derts von Sulzer, Japhet, Ehrlich, Naumbourg oder Le­wan­dow­ski und zu etlichen anonymen Melodien die in Westeu­ro­pa wohl ein Jahrtau­send lang übliche, aschken­asi­sche Aussprache. Statt modern­he­brä­isch "Schabbat" klingt das wie "Schabbos", "Schalom" wie "Scholom" oder "Scholaum". Die Silben und ihre laut­li­che Färbung sind in latei­ni­scher Umschrift wieder­ge­ge­ben, nur die Überschrif­ten in hebräi­schen Buchstaben. Das heute ­po­pu­läre Jiddisch spielte in Westeuropa übrigens kaum eine Rolle, hat ganz andere Betonungs­mus­ter - und wird in der Li­tur­gie überhaupt nicht benutzt.

Glücklich ergänzt wird diese Sammel­hand­schrift durch weitere, auch im Internet zugäng­li­che Noten aus dem Nachlass des 1955 in New York verstor­be­nen Kantors, die das Center for Jewish Histo­ry ­des dortigen Leo-Baeck-Instituts als Metzger Music Collec­tion ­ver­wahrt (http://bit.ly/2n­j­BoSM). Dort sind Kompo­si­tio­nen von Karls­ru­hern wie Samuel Rubin, Paul Meyer, Theodor Munz ­über­lie­fert. In der New Yorker Sammlung gibt es überdies ein num­me­rier­tes, loses Blatt mit einer Gebets­me­lo­die für Chanukka, das zweifels­frei aus dem hiesigen Notenbuch stammt - hier fehlen ­genau diese Seiten.

Wenige Sachzeugen aus 300 Jahren jüdischen Lebens in Karls­ru­he ha­ben Krieg und Rassenwahn überstan­den. Im Foyer der heuti­gen Is­rae­li­ti­schen Kultus­ge­meinde in der Knielinger Allee ist ein Frag­ment einer Torarolle aus der Kronen­straße ausge­stellt. An einer Wand finden sich dort Teile der Orgel, auf der Kantor ­Metz­ger jahrzehn­te­lang begleitet wurde. So kommt dem Notenbuch, das online auf der Seite des Stadt­ar­chivs (http://www.stadt­ar­chiv-karlsruhe, findbuch.net, Suchbe­griffe : Notenbuch Kalisch) eingesehen werden kann, eine beson­de­re ­Be­deu­tung zu. Es gewährt Einblicke in Sprache, Melodik und Quel­len des Kultus der liberalen jüdisch-deutschen Vor­kriegs­ge­mein­den und in - noch unerforschte - lokale Tra­di­tio­nen der unter­ge­gan­ge­nen Gemeinde Kronen­straße mit ihrem Vor­be­ter Simon Metzger, der, wie ein Zeitge­nosse schrieb, in New York wie in Karlsruhe für sein jüdisches Wissen und sein schöne ­Stimme bekannt war.

Christoph Kalisch, Autor von Biogra­phien für das Gedenk­buch ­Karls­ru­her Juden, Karlsruhe